Im Juli 2020 wurde Hendrik Thomsen, Vorstandsmitglied der Fa. Deutsche Wohnen AG, zum Rapport ins Fernsehstudio der Berliner Abendschau einbestellt….

Eine möglicherweise notwendige Erwiderung auf Einlassungen des Vorstandsmitgliedes Thomsen (DW AG)

Autor: Reinhard Tantow, Spandau


Im Juli 2020 wurde Herr Hendrik Thomsen, Vorstandsmitglied der Fa. Deutsche Wohnen AG, zum Rapport ins Fernsehstudio der Berliner Abendschau einbestellt. Er hatte sich dort den kritischen Fragen von Sascha Hingst zu stellen. Denn die Leute, die Mieterinnen und Mieter, wenden sich heutzutage längst nicht mehr vertrauensvoll an ihren Abgeordneten oder an den Herrn Pfarrer. Sie wenden sich der Einfachheit halber gleich direkt an das wirkungsmächtige Fernsehen, um endlich zu ihrem Recht zu kommen.


Jede Woche, so Moderator Hingst dem Sinne nach, beschwerten sich die Mieter von Deutsche Wohnen bei der „Abendschau“ über beklagenswerte Zustände in ihrer Wohnung, in ihrem Haus, in ihrer Siedlung – und der DW AG gelinge es nicht, zeitnah Abhilfe zu schaffen. Vorstandsmitglied Thomsen hatte das Wort. Der Mann war sichtlich nervös. Nun gut, fast jeder Mensch, der sich urplötzlich in einem Fernsehstudio von starken Scheinwerfern angestrahlt und von erbarmungslosen High Tech-Kameras beobachtet und abgefilmt findet, muss naturnotwendig nervös werden.


Herrn Thomsen fiel zur Beantwortung der gesellschaftlich bedeutsamen Fragestellungen von Herrn Hingst leider nichts Besseres ein, als die mittlerweile in recht großer Zahl zuhandenen Mieterinnen und Mieter, die dem ausbeuterischen DAX-Unternehmen Deutsche Wohnen kritisch, sogar radikal kritisch gegenüberstehen, in eine vorsichtshalber nicht näher bestimmte „ideologische“ Ecke zu stellen. Er wiederholte seinen Psalm gebetsmühlenartig, krampfhaft, rhetorisch ungeschickt, daher wenig überzeugend, und verstieg sich am Ende, wie leider nicht anders zu erwarten, zu der überaus originellen Behauptung, es gehe den Kritikern seines aufgeblasenen Wohnungsverwertungskonzerns neuen Typs sogar um einen „Systemwechsel“. Allerdings schreckte Herr Thomsen vorläufig noch davor zurück, im Vorabendprogramm des RBB auf Sozis, Kommunisten und Rote Socken anderer Art zu schimpfen und den Untergang des Abendlandes durch weitere verhängnisvolle planwirtschaftliche Experimente an die Wand zu malen.


Wollen wir den Mann beruhigen? Tatsache ist, dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung in Deutschland durch eine Vergesellschaftung räuberischer Wohnbaukonzerne keineswegs in Bedrängnis gerät. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln bleibt unangetastet. Die Produktion und Verteilung von Waren, auch das Erbringen von Dienstleistungen, wird weiterhin durch internationale Marktmechanismen kontrolliert und reglementiert. Das Finanzkapital darf sich auch im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ungeniert austoben. Ob in China ein Sack Reis umfällt oder ob in Berlin in Zukunft die Mieter ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände nehmen, ist im imperialistischen Weltmaßstab von eher geringfügiger Relevanz. Das „System“, das „Imperium“, der „Kapitalismus“ findet erfahrungsgemäß immer wieder einen Ausweg, sein Überdauern zu sichern. Nötigenfalls mit gewaltsamer Unterstützung von historischen Persönlichkeiten wie Mussolini, Franco und Hitler.

Aktuell sind, nebenbei bemerkt, erpresserische Bestrebungen im Gange, dem „failed state“ Ukraine, der einstigen „Kornkammer der Sowjetunion“, die Verfügungsgewalt über seine sagenhaften, fruchtbaren Schwarzerdeböden – das sind sage und schreibe schier unvorstellbare 43 Millionen Hektar – zu entziehen.


Andererseits – das Berliner Beispiel könnte Schule machen. Es macht sogar bereits Schule. Die Mieterinitiativen in München mussten unlängst eine juristische Niederlage einstecken. Dergleichen kann passieren; aber, wie Rudi Dutschke schon sagte: „Holger, der Kampf geht weiter!“ Wenn es uns gelingt, die Vormachtstellung nicht nur der Deutsche Wohnen AG, sondern auch der mit ihr verbundenen, verbündeten und verbrüderten exploitierenden Kapitalgesellschafen zu brechen und eine basisdemokratische kommunale Wohnbaukultur an deren Stelle zu setzen, also im Prinzip permanenten Lohnraub durch überhöhte Mieten zu bändigen, ergo Kaufkraft der Subalternen freizusetzen, leisten wir auf verschlungenen Wegen, in mittelbarer Täterschaft, einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu einer wirtschaftlichen Belebung im Inneren, im Binnenmarkt, die gerade im Corona-Zeitalter nicht ungelegen kommen dürfte.

Der Fa. Deutsche Wohnen AG wird es dann vermutlich ebenso ergehen wie dem armen Klaus Wowereit. Kaum war der nämlich aus dem Amt (des Reg. Bürgermeisters von Berlin) geschieden, sprach kaum noch jemand von ihm. Der „Raubtierkapitalismus“, eine verrufene Erscheinung des 19. Jahrhunderts, ausgerechnet im Wohnungswesen des 21. Jahrhunderts dürfte kommenden Generationen als famose historische Skurrilität erscheinen. Schwer nachvollziehbar, von verlogenen Gehirnsteinen zu verantworten, jedenfalls ein abscheulicher sozialer Anachronismus.


Reinhard Tantow, 26. Juli 2020

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